Vor ein paar Tagen ist Doris einfach weg gewesen. Tagsüber lief sie mit den anderen umher, gackerte und machte gute Laune …und abends war sie nicht mit im Stall.

“Es ist doch nur ein Huhn, ist doch nicht so schlimm.”

“Es” hat einen Namen: Doris. 

Doris ist meine Lieblingshenne. Sie kommt mir mit Tempo entgegengerannt, sobald sie meine Stimme hört, egal ob ich bei den Pferden oder im Hühnerstall bin. Dann erzählt sie mir immer ganz viel. Ich muss lachen.

Jetzt ist es leise.

“Nur ein Huhn” – das war wohl der Gedanke, den die Betreiber der Massentierhaltung hatten, als sie Doris zum Schlachten geben wollten, zusammen mit ihren 1499 Mithäftlingen. Die Henne legt nicht mehr 180 sondern 150 Eier im Jahr – sie ist also nicht mehr effizient, bringt kein Geld mehr, weg damit..

Der Umzug ins neue zu Hause war sicher eine Reise durch die Hölle. Käfige gestapelt in einem Transporter, Ungewissheit wohin es gehen wird. Doch ein Tierschutzverein hat sich zum Ziel gesetzt diese Hennen in ein gutes zu Hause zu vermitteln. Ganz unscheinbar und blass waren die Damen, als ich sie zu mir nahm. Unter ihnen Doris.

Das erste Mal an der frischen Luft war sicher ein Abenteuer. Es dauerte einen ganzen Tag, bis sie sich aus dem Stall getraut hat. So unbekannt war es. Sonnenlicht, Wind, Regen – all die Dinge, die jedes Lebewesen für normal erachten sollte, wurden ihr verwehrt. Und doch ist sie aufgeschlossen und dem Menschen zugewandt. 

Völlig zerrupft und blass läuft sie mir hinterher. Schnell hat sie erkannt, dass es ab und zu Mehlwürmer und Sonnenblumenkerne regnet, wenn ich vorbeilaufe. Für Futter springt sie mir sogar auf den Arm.

Nach und nach lernt sie die Sonne lieben und genießt Bäder in ihr. Später nimmt sie diese gerne vor meiner Haustüre. Sie genießt ihre zweite Chance im Leben sichtlich.

Sie hat langsam Federn am Hals bekommen und bleibt am Körper nackig. Jeden Tag ein Ei für uns zu legen nimmt ihr anscheinend die ganze Kraft, die sie bräuchte um wieder Federn zu bekommen.

Das Wetter wird kälter und ich mache mir Sorgen. Sie muss bei Regen immer Unterschlupf suchen, weil ihr Rücken komplett nackig ist. Trotzdem läuft sie fröhlich umher mit den anderen. Ihre Freundinnen sind bereits komplett gefiedert, nur Doris ist noch nackig. Langsam kommen ein paar Federn, aber es wird nicht für den kalten Winter reichen. Melanie hat ihr extra einen Pulli gehäkelt, damit sie nachts nicht mehr frieren muss.

Seit der neue Zaun für die Pferde da ist dürfen die Hühner das gesamte Grundstück erkunden. Sie lieben es mir mit dem Pferdemist zu helfen und sammeln fleißig die Würmer und Käfer heraus. Doris kommt auch manchmal auf den Track und besucht mich beim Abmisten. Sie ist mutig und viel alleine unterwegs. Abends sitzt sie meist auf der vorderen Stange, so dass man ihr nochmal eine gute Nacht wünschen kann.

Vor ein paar Tagen habe ich beobachtet, wie sie fleißig meine Blumenbeete harkt und Unkraut entfernt. Ich habe mir noch gedacht wie praktisch es ist, dass ich nicht sämtliche Beete alleine pflegen muss, da die Hühner mir so eifrig dabei helfen.

Jetzt sitzt Doris nicht mehr mit im Stall und die Hühnerbande ist nicht die selbe.

Wir haben für 2 Tage jeden Winkel des Hofes durchkämmt, haben sämtliche Räume durchsucht, jedes Versteck enttarnt, haben Nachbarn gefragt und dort gesucht. Wir waren sogar nachts im Keller der Mühle und haben verzweifelt mit Taschenlampen nach Doris gesucht und sie gerufen. Sie hat nicht geantwortet. Sie antwortet doch immer..

Sie mag ein Huhn sein, doch hat dieses kleine wundersame Wesen mein Herz auf eine ganz bestimmte Weise berührt. Die Verwandlung vom blassen unsicheren Geschöpf zur willensstarken selbstbewussten Persönlichkeit zu erleben war ein Geschenk. Ihr süßer Gesang fehlt mir jetzt schon, genau wie ihr Gemecker, wenn ich nicht schnell genug die Mehlwürmer springen lasse. 

Doris ist ein ganz besonderes Huhn. Wir werden sie nie vergessen.